BEN BECKER | ICH, JUDAS Sonntag, 23.10.2022 | 19:00 Uhr

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WIR, JUDAS?
Das Phänomen „Ich, Judas“ von Walter Jens / Ben Becker – oder: Welche Stücke braucht das
Land?

Das journalistische Phrasen-Arsenal hat eine Menge Formulierungen parat, wenn ein vierzig
Jahre alter, fast vergessener Text wie „Der Fall Judas“ von Walter Jens zu einer der
meistbesuchten Theateraufführungen der letzten zwei Spielzeiten wird. Von einem
„Überraschungserfolg“ oder einer „Wiederentdeckung““ ist allenthalben die Rede. Doch damit
ist nur das Phänomen beschrieben, nicht aber seine Ursachen. Denn die berechtigte Frage
lautet: Wer oder was wurde da eigentlich wiederentdeckt? Ein Text? Ein Thema? Eine
historische Figur? Eine Theaterform? Oder ein Publikum?
Der phänomenale Erfolg von „Ich, Judas“ – der Inszenierung des Walter Jens-Monologs von
und mit Ben Becker – gibt Rätsel auf. Weder das bevorstehende Reformationsjubiläum im
Oktober 2017 noch die Öffnung vieler Kirchen für die kritische Auseinandersetzung mit dem
Christentum können das gewaltige Zuschauerinteresse erklären. Zum einen waren die
Jubiläumsfeierlichkeiten noch in weiter Ferne als Ben Beckers „Judas“-Neuinterpretation zum
Zuschauermagnet wurde. Zum andern ist der Zustrom keineswegs auf den Kreis der Kirchen
und Gemeinden begrenzt. Wo Gottesdienste mitunter spärlich besucht sind und die Kirchen an
Mitgliedern verlieren, waren und sind die Vorstellungen von „Ich, Judas“ restlos ausverkauft.
Dieses enorme Interesse hat die Macher von „Ich, Judas“ und nicht zuletzt Ben Becker selbst
überrascht. So weit stimmt das Klischee vom „Überraschungserfolg“. Geplant waren
ursprünglich drei Vorstellungen im Berliner Dom – kaum mehr als eine Liebhaber-Aufführung,
entstanden aus Ben Beckers Faszination für den rhetorisch brillanten Text von Walter Jens und
für die Figur des Judas als dem vermeintlichen Verräter an der Seite von Jesus. Was dann kam,
hatte niemand kommen sehen: eine beispiellose Tour durch die größten und strahlkräftigsten
Kirchen des Landes ebenso wie durch Theater und Stadthallen. Zudem wird die Inszenierung
aufwendig abgefilmt im Kino zu erleben sein.
Wie jeder Erfolg hat auch der Triumph von „Ich, Judas“ sicher nicht nur eine einzige Ursache,
sondern geht zurück auf ein Zusammenwirken verschiedenster Umstände und Kräfte. Die
Personalie Becker ist zweifellos ein wesentlicher Faktor. Doch mit seiner Prominenz und
schauspielerischen Qualität allein lässt sich eine so durchschlagende Wirkung nicht erklären.
Schon eher durch die Verbindung von Ben Becker mit der Figur des Judas, dem Anliegen einer
existentiellen Auseinandersetzung mit den Fragen des Glaubens, einer so kritischen wie
emotionalen Befragung der überlieferten Geschichte, einer vehement persönlichen
Parteinahme gegen die verfestigten Bilder im Kopf, gegen die gängigen Vorurteile und die
Fatalität dieser Lügen. In diesem Kampf entwickelt Becker für seine Figur eine Intensität und
Glaubwürdigkeit, die auf den Bühnen Ihresgleichen sucht.
Bemerkenswert dabei ist, dass bei der sensationellen Aufführungsserie von Ben Beckers „Ich,
Judas“ eine Reaktion fehlt: der Vorwurf der Blasphemie. Weder von Kirchenseite noch von dem
Gemeinde- bzw. Theaterpublikum gab es Stimmen, die beklagten, dass es ketzerisch sei, derart
mit dem Christentum und seinen Überlieferungen ins Gericht zu gehen. Das ist erstaunlich –
nicht nur weil eine Vielzahl von Vorstellungen in aktiven Kirchen und Gotteshäusern stattfand.
Denn schon Walter Jens nimmt in seiner „Verteidigungsrede des Judas Ischariot“ kein Blatt vor
dem Mund und macht mit so manchen Irrtümern der christlichen Tradition buchstäblich kurzen
Prozess. Seine Widerlegungen des Johannes-Evangeliums, seine Erwiderungen auf Luther und
dessen antisemitische Ausfälle lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Und Ben
Becker verleiht diesem Plädoyer für den „verratenen Verräter“, den zu Unrecht an den Pranger
der Jahrhunderte gestellten Judas, diesen meistgeschmähten, meistgehassten Anti-Christen
eine Schärfe und menschliche Tiefe bis an die Schmerzgrenze. Dass die üblichen Schutzreflexe
und Abwehrhaltungen in dieser hochbrisanten Verhandlung ausblieben, hat seinen Grund vor
allem darin, dass jeder Zuschauer, bis in die letzte Kirchenbank-Reihe, spürt, wie ernst es
sowohl Walter Jens als auch Ben Becker damit ist. Leicht hat es sich keiner mit dieser Figur
gemacht. Und weil nichts an diesem Gegenangriff auf so manches Dogma der christlichen
Lehre leichtfertig ist, fehlt bei aller Härte und Höhe der Auseinandersetzung nie der Respekt.
Ein Kriterium für Qualität ist das allemal, aber kein Garant für Quantität. Im Gegenteil. Nach
allem was man an Publikumsbeschimpfungen und resignativen Abgesängen auf den
sogenannten Mainstream schon gehört und gelesen hat, sind die Zutaten von „Ich, Judas“ alles
andere als ein Erfolgsrezept. Sie sprechen vielmehr für ein Minoritätenprogramm. Dass es
dennoch ganz und gar anders gekommen ist, lässt den Rückschluss zu, dass man sich nicht nur
in den Möglichkeiten des Theaters, sondern auch in denen des Publikums vielfach getäuscht
hat. Von Unterhaltungsseligkeit und Seichtheit seitens der Zuschauer kann bei „Ich, Judas“
wahrhaftig nicht die Rede sein. Stattdessen ist eine regelrechte Sehnsucht nach Inhalt und
Substanz zu spüren, eine große, oft unerfüllte Bereitschaft nach einer existentiellen und
intensiven Form der Auseinandersetzung mit den großen Themen. Die Frage muss also erlaubt
sein, inwiefern das Publikum in der Geschichte dieser „Wiederentdeckung“ nicht die am
meisten unterschätzte Größe ist und somit ein wesentlicher Teil des Phänomens. Auch darüber
wird zu reden sein.

Am 23.10.2022 19:00Uhr